Vollgepackt

30 Aug

So viele Worte,

an sämtliche Orte.

Drücken Befinden, Ereignisse aus,

wandern von Haus zu Haus.

Von Mensch zu Mensch und Tier und Pflanzen gelangen,

Worte nehmen uns ein – manchmal gefangen.

Verursachen Liebe, Empathie, Gewalt und Wut,

sie mit tragender Konsequenz herauszulassen erfordert Mut.

Erreichen uns auf unterschiedlichster Art und Weise,

schreiend, wispernd – sowie ganz leise.

Anekdoten, die das Herz erwärmen,

von Liebe die Erzählenden schwärmen,

sowohl traurige Geschichten,

die die Seele mit dunkler Patina beschichten.

Am Ende des Lebensabends ist vieles nicht mehr neu,

dennoch schön, wenn die Erinnerung der Liebe gehört – nicht der Abscheu.

Wie oft sitzen Erzählende mit Zuhörer im Lokale,

in der Hoffnung, zurück bleiben nicht nur Vokale.

Schwur Verehrung

Raps und Mohn

30 Aug

Jahr um Jahr in voller Blüte zeigt sich der Raps.

Jahr um Jahr sagten wir zu dir liebevoll Paps.

Auch der Mohn prachtvoll zu sehen war,

vergingen Herbst, Winter, Frühling, Sommer Jahr um Jahr.

Als ob du es ahntest,

mich vorweg indirekt am Telefon warntest.

Ich es überhörte,

was dich seit langer Zeit empörte.

Ich deine Worte zwischen den Zeilen nicht verstand,

was da im Raume stand.

Ich noch lauthals tönte,

bevor deine Frau mit ihrem Geliebten in Wien frönte,

meine Fürsorgeknöpfe werden gedrückt,

wie ich erfuhr, du alleine und sie ihre Zeit verbringt – entzückt.

Wir hatten uns Jahr um Jahr nie wirklich kennen gelernt – nie bedrängt,

weil deutlich spürbar ihr Schwert Damokles über der Familie hängt.

Ich dachte an deine Schlaganfälle,

ahnte nicht die Wucht der Welle,

die mich kalt übermannte,

als sich deine Frau in ihre Eifersucht verrannte.

Dichtet uns an – eine Affäre,

sitzt bei mir – tut so, als ob nichts wäre.

Jahr um Jahr diese Lügen,

wir hatten gelernt, uns ihrer Dominanz zu fügen.

Deine Tochter, mein Schwesterherz,

kann nicht lindern, meinen Schmerz.

Mit Zwölf erwarb ich deinen Namen,

er gab mir einen neuen Identitätsrahmen.

Eine Adoption stand nicht im Raum.

Ich klammerte mich an den vermeintlichen Familientraum.

Du hast mich ab da an aufwachsen sehen,

ebenso in unseren Augen das große Flehen,

als die Ungerechtigkeit der Kindheit deiner Töchter weiterging,

sich auch deine Seele mit im Netz der Schwarzen Witwe verfing.

Du hast uns viele Häuser gebaut,

doch wenn, sie uns schlug weggeschaut.

Ich wuchs weiter mit dem Wissen auf,

es wird sich nichts bessern und nahm es im Kauf.

Jahr um Jahr kämpftest du an falscher Stelle,

stehst nun kraftlos an der Todesschwelle.

Möchtest deine letzten Jahre in Ruhe erleben,

hoffst, es vergeht auch dies große Erdbeben.

Weiter steht Jahr um Jahr in voller Blüte der Raps,

du bleibst in meinem Herzen – mein Paps.

So schaue ich auf den Mohn,

was bleibt ist dieser beeindruckende Lohn.

Raps und Mohn

Reinheit

25 Jul

Nun sitzen wir hier.

Ich neben – und du vor mir.

Ich, vom Angstschweiße nass.

Du, lediglich blass.

Du, regelrecht weiß.

Mir, fehlt der Beweis.

Du starrst zu mir und willst alles wissen?

Ich soll kundtun von Anderen fehlendes Gewissen?

Berichten von meiner Seele?

Was ich besten Freunden erzähle?

Von meinen kleinen Macken?

Oder den Panikattacken?

Wer gab mir Liebe?

Von wem bekam ich heftige Hiebe?

Welchen Ratschlag nahm ich an?

Wer stellte mich am Pranger dann?

Welche Blumen ich sah?

Ist mir Erzähltes wahr?

Bist du so geduldig, wie man dir nachsagt?

Ist es die Ungewissheit meiner Vergangenheit, die an mir nagt?

Dass alle Wissenden schweigen?

Sich nicht öffentlich zeigen?

Oder mich weiterhin mit Lügen bestücken?

Ich noch immer Angst habe vor festen Brücken?

Mich Ziele, Hoffnungen, Sehnsüchte, Wünsche verzweifeln lassen?

Obwohl feste Freundeshände sicher nach mir fassen?

Soll ich mich mit der Malerei ausdrücken?

Damit nicht noch mehr von mir abrücken?

Darf ich dir alles anvertrauen?

Werden Andere nach dir schauen?

Um meine Worte dir zu entlocken?

Ich weiß, sie werden so Einige schocken.

Halte ich die Balance?

Hab‘ ich je eine Chance?

Sollte man Familiengeheimnisse für sich behalten?

Tief in der Seele fest verwalten?

Sitzen und brüten mit mangelnder Hygiene?

Depression brüllt wie eine ausgehungerte Hyäne.

Nun sitzen wir hier.

Ich neben – und du vor mir.

Du, ein weißes Blatt Papier.

Noch einmal spüren

29 Apr

Vier Jahre ist es nunmehr her.

Seit vier Jahren sehe ich dich nicht mehr.

Des Nachts bin ich zu dir geradelt.

Von Freunden wurde ich arg getadelt.

Mit meinem Herz voll Liebe und Kopf voll Wein,

war mein Verlangen – nur bei dir zu sein.

Dich sehen, umarmen, küssen,

im schwachen Mondschein nicht mehr missen.

Wollte dich noch einmal spüren.

Was bleibt, als in der Erde wühlen?

Abtragen Schicht für Schicht,

um endlich zu sehen – in dein Gesicht.

Mit bloßen Händen graben, graben, graben.

Werde ich dein Antlitz vor Augen haben.

Auch nach Stunden schreien, betteln, flehen,

konnte ich von diesem Ort nicht gehen.

Dachte nicht an morgen,

an die Menschen, die sich sorgen,

schreckhaft sehen mich da liegen – könnten einen Herzschlag kriegen.

Früh in der Neun bin ich aufgewacht,

schaute auf die – dir gewidmete Blumenpracht.

Unterkühlt, verdreckt, schwach auf den Beinen,

schob ich mein Fahrrad entlang den Hain.

Musste nach Hause, in meinem Bette,

so verließ ich deine Ruhestätte.

Hier zu verweilen in der Nacht,

angeordnet von Behördenmacht,

ist strafrechtlich verfolgtes Verbot,

doch: Liebe stirbt nicht mit dem Tod.

Noch einmal spüren

Mit Gevatter Tod ins Leben

27 Apr

Da fand sie sich nun wieder.  Im Bett liegend, Zimmer 318, Station III,  Krisenintervention, Städtisches Klinikum. Heulend. Sie könnte sich Hilfe holen. Könnte, wenn sie wollte. Aber sie wollte keine Hilfe mehr. Jedenfalls nicht in der Form, die ihr das Pflegepersonal anbot.

Sie wollte die Absolution, die Absolution zum Sterben. Von allen, auch von denen, die den größten Anteil an ihrem jetzigen Befinden hatten. Warum,  war ihr ein Rätsel. Aber stattdessen bekam sie  Zyprexa, Dipiperon und Tavor.

Nach einer Schwester klingeln? Das kannte sie schon. Die Gespräche brachten nicht einmal kurzweilig aufbäumende Lebensfreude zurück. Oft hörte sie den Satz: „Nun quälen sie sich doch nicht so, kommen sie doch einfach zu uns und holen sich ihre Bedarfsmedizin.“

Also heulte sie. Jammerte vor sich hin, rang nach einem legitimen Ausweg, sehnte eine todbringende Krankheit herbei.

Und dann stand er urplötzlich da. An ihrem Fußende des Bettes. Ihr klägliches Heulen und Jammern verstummte. Sie saß versteinert im Bett, den Blick auf den Mann im dunklen Cape gerichtet. Totenstille im Zimmer. Sie dachte: „Jetzt holt er mich, er steht zu meinen Füßen, mit meinem Lebenslicht in der Hand.“

Der Mann, dessen Gesicht im Schatten der Kapuze nicht zu sehen war, richtete mit ausgestrecktem Arm den Zeigefinger auf sie. Und während er den Satz: „DU! Du bist noch nicht dran, nimm das Leben an!“ aussprach, zog er den Arm wieder zu sich heran und streckte ihr mit Wucht seinen anderen Arm mit der Kerze in der Hand entgegen. Dann war weg.

Der Schreck verhallte rasch. Sie sprang aus dem Bett. Das Bild musste festgehalten werden. Noch im Stehen begann sie diese Erscheinung auf ein Blatt Papier zu skizzieren. Seine Worte, ausgesprochen in Bass, klangen noch in ihren Ohren.

Da hatte sie ihre Hilfe, ausgerechnet von Gevatter Tod. Der Sprung ins Leben war getan.

Lange versuchte sie eine Erklärung für dieses Ereignis zu finden. Warum dieses Trugbild? Warum diese Halluzination? Warum Sie? Welche Aufgabe hat sie im Leben? Warum sollte sie nicht aus dem Leben gehen? Warum ist sie noch da, wo doch Gevatter Tod am Fußende stand?

Wochen danach, noch immer  in diesem Zimmer 318, schaute sie permanent auf ihre Skizze, auch der Satz: „DU! Du bist noch nicht dran, nimm das Leben!“ ließ sie nicht los. War er eine Aufforderung? Eine Aufforderung zum Leben? Für Sie, die ihr Leben abscheulich fand? So weitermachen ging auf gar keinen Fall, das hält keiner lange durch. Sie entschloss sich für das Annehmen der Aufforderung und begann zu kämpfen, Stück für Stück, Schritt für Schritt, sich zu wehren, gegen den Wunsch des Sterbens, gegen destruktive Gedanken,  gegen die Depression, nahm Hilfe an, ergründete die Ursache und die Auswirkung, um entgegenzuwirken.

Später, Monate später, fand man heraus, sie war falsch medikamentös eingestellt. Sie bekam kein Antidepressivum, sie schluckte Risperdal.

Das Medikament, als Neuroleptika bezeichnet, war möglicherweise der Grund für ihre Vision. Ihr Fazit: Egal, ob es an diesem Medikament lag, oder dass der Mensch einen starken Überlebenstrieb in sich trägt, dass das Unterbewusstsein Streiche spielt, der Tod für viele eine autoritäre Institution zu sein vermag, der Glaube an die Höhere Macht besteht.  Sie ist wieder im Leben – in einem erfüllten Leben (ohne Medikamente).

Gevatter Tod

Wehrlose Kinderseelen

7 Apr

Manchmal gilt der Fluch;

Legen sie sich nachts über einen.

Bedecken uns wie ein monströses Tuch

und wir warten auf die Morgenröte.

Warten auf die Morgenröte!

Morgenröte

Wie lange bleibt man Kind?

5 Apr


Plötzlich hielt er 300 € zwischen seinen Fingern. Sechs Scheine a‘ 50 €. Er nahm sie einfach an.

Obwohl er sich geschworen hatte, von ihnen, besser: ihr, als Haupttäterin, nichts mehr anzunehmen. Nichts Gutes wie Schlechtes. Sein momentan finanzieller Lebensumstand ließ ein Ablehnen nicht zu.  Was für eine schön leichte Ausrede. Sie passt so wunderbar zu seinem Kontostand.

Und seine großen Augen zeugten in ihren Augen Freude, vielleicht Verwunderung – aber keine Feigheit.

Er war zu feige,  die Gabe zurückzuweisen, wie er es zuvor seinen Vertrauten kundtat, falls der Fall der Fälle, sogenannte Eventualitäten eintreten sollten, er bekäme finanzielle Hilfe.

Er war zu ängstlich, ihnen die Stirn zu bieten. Wie früher.  Wie meistens. Wie ein eingeschüchtertes Kind, welches in ihren Augen schon im Vorfeld die kommenden Konsequenzen sah. Ihm ein wohlbekanntes und grauenhaftes Gefühl. Heute nennt er es Feigheit.

In seinem Kopf ratterte es.

„Es war doch auch so ein schöner Tag!“ Diesen jetzt versauen? Sie enttäuscht, wütend abziehen lassen und selbst mit suggeriert schlechtem Gewissen zurückbleiben?

Er hat es nicht darauf ankommen lassen, ob sich nicht doch ein klitzekleines Gefühl von Stolz gezeigt, wenn er mehr Mumm gehabt hätte, abzulehnen.

In Sekundenschnelle liefen die Bilder seiner Verhaltensmöglichkeiten und ihren Reaktionen ab.

Ihre Einschüchterung funktioniert noch immer, obwohl sie mittlerweile Rentner sind und er einiges über vierzig.

Für das, was sie ihm in seiner Kindheit angetan hatten, würden sie heut vermutlich eine Haftstrafe bekommen.

Und sie drohten ihm, bei vermeintlich kindlichem Ungehorsam, ihn  in ein Heim zu stecken.

In seiner kindlichen Vorstellung und Unwissenheit konnte es dort nur besser sein.

Oh, wie hatte er mit seinen neun Jahren zu Gott gebetet… bitte, bitte, bitte, lass diese Drohung in Erfüllung gehen… mit ineinander gefalteten Händen kniete er vor seinem Bettchen, wenn sie, Mutter und Vater, es nicht sahen.

Die alten Erlebnisse sind zum Teil in seinem Gedächtnis fest verankert und nun wieder präsent, der 300 € wegen – oder seiner Feigheit.

Wunschkinder?

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